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Bandscheiben Backstage

Martin Teichmann trifft bei den Rockstars den richtigen Ton

Ein Beitrag von Alexander Eisenreich, aus dem Magazin pt – Zeischrift für Physiotherapeuten (Auszug)

Sie springen auf der Bühne herum, spielen stundenlang Schlagzeug oder hauen ordentlich in die Tasten: Musiker sind dauerhaft großen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Damit die Stars das hohe Pensum auf ihrer Tour oder bei Festivals durchhalten können, brauchen sie Physiotherapeuten. Martin Teichmann aus Bonn ist einer von ihnen. Seit vielen Jahren vertrauen ihm die Rockstars. Im exklusiven pt-Gespräch haben wir ihn gefragt, wie er zu dem außergewöhnlichen Job gekommen ist, welche Promis er schon behandelt hat und wie seine Arbeit hinter der Bühne aussieht.

„Wenn ich zum Veranstaltungsort komme, findet in der Regel erstmal der Security-Check statt. Mein Standardsatz lautet dabei immer: „Hi, ich bin Martin, der Physiotherapeut.“ In acht von zehn Fällen heißt es dann: „Gut, dass du kommst. Du kannst direkt hierbleiben.“ So beginnt klassischerweise eine Eventbetreuung bei mir“, berichtet Martin Teichmann lachend im pt-Interview in den Räumlichkeiten des Richard Pflaum-Verlags.

Vom Konzertbesucher zum Rockstar-Physio

Seit 13 Jahren ist der 39-Jährige mit Musikern auf Tour unterwegs oder begleitet Stars bei großen Festivals wie zum Beispiel Rock am Ring. Den Titel „Physiotherapeut der Rockstars“ hat er durch eine ganz spontane Aktion erlangt: „Ich hatte damals Tickets für ein Konzert des britischen Künstlers Frank Turner in Köln. Die Show am Vorabend war ausgefallen, weil er starke Rückenprobleme hatte. Daraufhin habe ich das Management geschrieben und gefragt, ob ich nicht vorbeikommen soll und helfen kann, damit das Konzert und der Rest der Tour stattfinden können.“

Teichmann bekommt prompt eine begeisterte Rückmeldung und kümmert sich bereits ein paar Stunden später um Frank Turner. Mit Erfolg: Der Brite kann seine Show am Abend über die Bühne bringen. Der Einstieg für Teichmann als Physio in die Welt der Musiker ist gemacht. „Die ersten ein, zwei Jahre habe ich mich hauptsächlich um ihn gekümmert, wenn er in Deutschland unterwegs war“, erinnert sich der Bonner an die Anfänge zurück.

Backstage statt Behandlungszimmer

Im Laufe der Jahre macht er sich als Fachmann einen Namen in der Szene und arbeitet mit immer mehr Künstlern zusammen. Da er seine Klienten schützen will, nennt er ungern Namen: „Es ist ein sehr sensibler Bereich, in dem dieses „Namedropping“ eigentlich ein No-Go ist. Wer sich aber Festival-Lineups anschaut, kann sich vorstellen, wen ich schon alles behandelt habe“, sagt Teichmann. Bei der pt-Recherche lässt sich feststellen, dass er beispielsweise schon mit dem Rapper Cro, den Musiklegenden Fettes Brot, den Hip-Hoppern der Antilopen Gang oder der Punkrock-Band Donots zusammengearbeitet hat. Selbst echte Weltstars sind dabei: „Da gibt es ehrlicherweise mehrere, die mich kontaktieren. Meist läuft es so ab, dass ich dann tagsüber vor der Show im Hotel mit den Künstlern arbeite.“

Aber auch in den Konzerthallen behandelt Teichmann bis kurz vor Auftritt: „Die Locations sind allerdings oftmals gar nicht für einen Physiotherapeuten ausgestattet. Da habe ich schon zwischen Lagerräumen und leeren Küchen gearbeitet“, erzählt der Experte schmunzelnd. „Je größer dieTour ist, desto besser sind Bedingungen für die Musiker und mich. Frank Turner habe ich damals tatsächlich auf dem Fußboden behandelt. Manchmal muss man einfach improvisieren.“

Familienleben trifft Behandlungsstress

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist der Job für Teichmann noch immer etwas ganz Besonderes: „Für mich ist das ein professionelles Hobby. Einerseits habe ich da wirklich Lust drauf, andererseits gehe ich mit voller Konzentration und Seriosität an die Sache ran. Eine gewisse Aufregung besteht aber bis heute“, schildert der Physiotherapeut. „Meine Frau sagt immer, man merkt mir an, wenn wieder ein großes Event ansteht.“ Seine Familie ist für Teichmann extrem wichtig: „Ohne die Unterstützung meiner Frau und unserer beiden Kinder würde das alles nicht klappen“, sagt der 39-Jährige. „Auch wenn sie mich vermissen, wenn ich unterwegs bin, halten sie mir immer den Rücken frei.“ Denn nicht nur die Musiker brauchen seine magischen Hände, auch seine Patienten in der eigenen Praxis in Bonn wollen nicht zu kurz kommen.

Für Teichmann spielt es dabei keine Rolle, ob er einen millionenschweren Musiker auf seiner Liege vor sich hat oder einen Alltagshelden, wie er „normale“ Patienten gerne nennt. „Behandlung ist Behandlung, aber im Profibereich bin ich vielleicht noch einen Hauch fokussierter, weil bei diesen kurzen Slots mit Kennenlernen, Befunden und Behandeln jeder Handgriff sitzen muss. Außerdem finden die Sessions manchmal auch auf Englisch statt.“ Musiker zu behandeln ist also eine echte Challenge: „In der Regel kommen die Leute bei Festivals im Halbstundentakt zu mir. In dieser Zeit versuche ich den Künstlern schnell zu helfen und gleichzeitig der Ruhepol zu sein, damit sie auch mal kurz durchschnaufen können. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist gar nicht immer so einfach“, verdeutlicht Teichmann.

Therapie zwischen Prävention und Regeneration

Die körperlichen Probleme der Stars sind vielfältig: „Egal wo ich dabei bin, die Schlagzeuger sind immer die Ersten, die zu mir kommen. Meist geht es dann um die Themen Handgelenk, Ellbogen und Schulter. Da Schlagzeuger viel sitzen, spielt aber auch der Rücken eine wichtige Rolle. Außerdem kommt noch die Fußarbeit dazu“, erklärt Teichmann. Bei den Frontfrauen und Frontmännern wiederum geht es häufig um Knie, Hüfte und Sprunggelenk. Kein Wunder, so viel wie Rockstars auf der Bühne herumspringen. „Tatsächlich haben einige auch Nackenschmerzen vom Headbangen“, erzählt der Physiotherapeut lachend.

Anders als im Praxisalltag kommt oftmals Hands-On-Therapie zum Einsatz: „Grundsätzlich geht es viel um Mobilisations- und Weichteiltechniken. Sowohl präventiv vor der Show als auch regenerativ nach dem Auftritt. Oft stehen ja noch weitere Konzerte in den nächsten Tagen an“, erklärt Teichmann. Hands-Off gehört aber auch zum Behandlungsalltag mit Musikern dazu. „Natürlich erarbeiten wir gezielte To-dos für den Rest der Tour. Als Regenerationstool lege ich zum Beispiel gerne mal den handlichen Faszienball ans Herz.“ Interessant ist: Geht man nur nach den verschiedenen Instrumenten, hat ein Querflötist laut Teichmann am häufigsten physische Schwierigkeiten: „Durch das viele Hochhalten der Arme kommt es zu einer starken Schulteraktivität. Auch die einzelnen Finger sind belastet. Dazu kommt noch das Kiefergelenk durch das Flöte spielen. Die Summe aus all dem führt zu körperlichen Beeinträchtigungen.“ Um Spannungen abzubauen kann beispielsweise die Regulation des Vagusnervs helfen: „Das schadet in der Musikbranche generell nicht“, sagt Teichmann lachend.

Auch eine neurozentrierte Herangehensweise spielt für den Experten auf diesem Gebiet eine wichtige Rolle: „Das unterschätzt man vielleicht, aber Musiker sind permanent Reizen ausgesetzt, die sie verarbeiten müssen“, schildert Teichmann. Konkret geht es dabei um Licht- und Soundeinflüsse. Das geht schon beim Technikcheck los: „Irgendwie ist immer Unruhe und ein gewisses Gewusel. Selbst beim Catering klappern die Teller. Da ist Stressregulation auf jeden Fall ein großes Thema.“ Nicht nur Überlastungsthemen stehen auf Teichmanns Behandlungsplan, auch mit Akutverletzungen hat er zu tun: „Es gibt definitiv beides. Einerseits den schleichenden Prozess, andererseits kommt es vor, dass jemand zu mir kommt, weil er sich beim Springen auf der Bühne an der Wade verletzt hat.“ Ist der Physiotherapeut mit demjenigen auf Tour, ist es leichter die Verletzung zu begleiten. Passiert so etwas auf einem Festival, bleibt nicht viel Zeit, den prominenten Patienten wieder fit zu bekommen.

Zwischen Videocall und Verschnaufpause

Generell ist Teichmann mit den Künstlern aber dauerhaft im Austausch. Selbst wenn man sich mal längere Zeit nicht sieht: „Wenn man sich besser kennt, gebe ich den Managements gerne meine Nummer und sage, dass die Künstler sich immer melden können. Da kommt es dann auch vor, dass ich zwischendurch im Alltag per Videocall versuche spontan zu helfen.“ Als Physiotherapeut ist er also nahezu immer im Einsatz: „Gerade auf Festivals könnte ich 24 Stunden am Stück arbeiten. Irgendwann muss ich einfach die Tür zu machen, ein Schild dranhängen und die mobile Liege abbauen, damit man sieht: Jetzt ist mal Schluss.“ Bei so viel Anstrengung braucht Teichmann manchmal selbst physiotherapeutische Hilfe. „Besonders die Festivals schlauchen extrem. Ab und zu lockert man sich dann tatsächlich mal für eine Viertelstunde gegenseitig die Waden. Im Rahmen der Möglichkeiten achten wir also auch auf uns, die Behandlungen untereinander kommen aber doch meist sehr kurz.“

Flexibilität als Schlüssel zum Erfolg

Wie viele Physios bei einem Festival dabei sind, hängt von dessen Größe ab. „Bei Rock am Ring sind wir ein Team von vier bis fünf Leuten. Ich nehme on top noch einen Kumpel als Rezeptionisten mit, der sich vor Ort um die Organisation kümmert. Dazu gehört zum Beispiel die Terminvergabe und das Besorgen neuer Handtücher“ erläutert Teichmann. „Ich habe den Anspruch, dass ich während der Behandlung nicht ständig gestört werde, weil jemand an die Tür klopft.“ Grundsätzlich muss Teichmann aber terminlich anpassungsfähig bleiben. „Bei den großen Stars kommt es schon öfter vor, dass beispielsweise für 14 Uhr eine Behandlung vereinbart wird und diese dann kurzfristig auf 17 Uhr verschoben wird. Da muss ich weitaus flexibler sein als im Praxisalltag.“

Begegnungen auf Augenhöhe

Eine Sache ist aber überall gleich: Die Themen, über die während einer Behandlung gesprochen wird. „Meist geht es um Gesundheit, Beziehung, Familie und Sport. Die Gespräche mit den Musikern laufen ähnlich ab wie in der Praxis“, veranschaulicht Teichmann. „Ich habe auch das Gefühl, dass die Stars froh sind, wenn es zwischendurch um alltägliche Dinge geht und sie mit jemandem reden können, der nicht zur Band oder zum Management gehört.“ Manchmal liegt aber auch in der Ruhe die Kraft. „Es kommt durchaus vor, dass man mal eine Stunde lang gar nicht redet.“

Die Kunst für den Physiotherapeuten ist also, relativ schnell ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Schließlich gilt man in dem Job als menschlicher Kummerkasten, der nicht nur für die physische, sondern auch für die psychische Gesundheit seiner Patienten mitverantwortlich ist. „Ich hatte neulich einen Schlagzeuger auf meiner Liege, der wegen seiner orthopädischen Probleme Sorge hatte, ob er ausreichend performen kann. Ich versuche dann mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“, sagt Teichmann.

Dass seine Meinung Gewicht hat, zeigt folgende Anekdote. „Ich rate den Musikern immer Sportschuhe zu tragen und zwischen zwei Liedern eine individuelle Muskeldehnung zu machen. Wenn ich dann sehe, dass sie die empfohlene Übung tatsächlich vor 50.000 Menschen auf der Bühne machen, freue ich mich, dass meine Hilfe angenommen wird“, schildert der Physiotherapeut. „Die Fans nehmen das vermutlich gar nicht wahr, aber mich macht das dann einfach glücklich.“ 

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