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Vertauschte Rollen: Kreuzbandriss ohne OP

Vom Therapeuten zum Patienten

Von Alexander Eisenreich

Erschienen in: pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten, 78. Jahrgang, Oktober 2026, Rubrik Therapie, S. 36–41

Ein Kreuzbandriss ohne OP — für viele klingt das nach Kompromiss. Praxisinhaber Martin Teichmann hat sich im Mai 2026 genau dafür entschieden, nachdem er sich beim Tennis das vordere Kreuzband gerissen hatte. In der pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten erzählt er, wie es ist, plötzlich selbst Patient zu sein.

Der Familienvater Martin Teichmann ist 40 Jahre alt, betreibt eine Physiotherapie-Praxis in Bonn – und spielt leidenschaftlich Tennis. So auch am 13. Mai 2026. Obwohl es kein Freitag ist, nimmt das Unglück seinen Lauf. Als er ans Netz rennt, um einen Stoppball zu erreichen, hört er ein lautes Knacken und geht sofort zu Boden. Die Diagnose: Kreuzbandriss. Warum er sich für eine konservative Behandlung entschieden hat, wie es sich anfühlt, plötzlich selbst Patient zu sein und was ihn die Verletzung über seinen Job als Physio gelehrt hat, verrät er im Gespräch mit der pt.

Kreuzbandriss ohne OP: Martin Teichmann mit Knieorthese und Tennisschläger

Foto: Martin Teichmann

„Es war gefühlt der harmloseste Ballwechsel des ganzen Abends. Ich habe das noch genau vor Augen. Ich laufe nach vorne und will den Ball spielen. Auf einmal sackt mein rechtes Knie nach innen weg, ich spüre einen stechenden Schmerz und fange an zu schreien“, erinnert sich Teichmann an den verhängnisvollen Tag im Frühling. „Anschließend lag ich erstmal 15 Minuten auf dem Boden.“

Ein Knacken, das alles verändert

Dabei fing alles wie immer an. „Ich spiele schon lange mit einem Freund einmal die Woche von 20 bis 22 Uhr Tennis. Weil es an besagtem Tag geregnet hatte und die Plätze draußen nass waren, sind wir in die Halle gegangen, um trotzdem spielen zu können“, schildert der Physiotherapeut. Nach etwa einer Stunde Spielzeit im Match passiert das, wovor sich jeder Sportler fürchtet: Das vordere Kreuzband reißt. Auch der Meniskus und das Innenband sind betroffen. „Eigentlich war ich gut aufgewärmt und auch noch nicht übermüdet“, sagt Teichmann. „Als ich das Knacken im Knie gehört habe, war mir sofort klar, was passiert ist.“ Die eigentliche Diagnose folgt erst später. „Nachdem ich mich wieder hochgerappelt hatte, haben wir sogar noch ein alkoholfreies Bierchen im Vereinsheim getrunken. Ich stand so unter Adrenalin, dass die Schmerzen ertragbar waren und ich noch gar nicht an die Folgen gedacht habe“, berichtet der 40-Jährige.

Mit dem Auto nach Hause – und dann kommt die Nacht

Anschließend fährt Teichmann sogar noch selbstständig mit dem Auto nach Hause. „Das würde ich keinem Patienten empfehlen, aber es war nur eine ganz kurze Strecke.“ Seiner Frau schreibt er eine WhatsApp und warnt sie vor. „Wir Männer leiden ja grundsätzlich bei Schmerzen ganz gerne, aber ich habe ihr gesagt, dass es dieses Mal wirklich was Ernstes sein muss.“ Sein bisheriges Leben war Teichmann glücklicherweise von orthopädischen Problemen weitgehend verschont geblieben. „Tatsächlich ist es für einen Physiotherapeuten wie mich eher ungewöhnlich, dass ich noch nie eine schwere Verletzung hatte. Viele meiner Kollegen haben ihren Beruf erst aufgrund einer Verletzungsgeschichte ergriffen. Da war ich immer ein bisschen ein Sonderfall.“

„Diese Reha war und ist die wichtigste Fortbildung, die ich als Physio jemals gemacht habe.“

Da am nächsten Tag Christi Himmelfahrt ist und folglich die Arztpraxen zu haben, ist Teichmanns Plan, bis Freitag zu warten, um sich durchchecken zu lassen. Dieser Plan geht allerdings nicht auf. „Als das Adrenalin in der Nacht nachgelassen hat, habe ich brutale Schmerzen bekommen. Auf einer Skala von 0 bis 10 war das eine 20. Kaum, dass meine Familie morgens wach war, habe ich überlegt einen Krankenwagen zu rufen. Letztendlich haben mich dann aber meine Schwiegereltern ins Krankenhaus gefahren.“

Kreuzbandriss ohne OP: operieren oder konservativ behandeln?

Dort angekommen wird Teichmanns Knie untersucht und geröntgt. „Die Knochen waren in Ordnung. Das Ergebnis des Schubladentests war zwar nicht eindeutig, aber leider schon tendenziell positiv. Ich habe dann eine Orthese und Krücken zur Ruhigstellung bekommen und die Schmerzen waren damit erstmal fast weg.“ Am nächsten Tag geht es dann zum MRT. „Weil der Radiologe wusste, dass ich Physiotherapeut bin, hat er nicht um den heißen Brei geredet und mir direkt gesagt, dass ich eine „Unhappy Triad“ habe, also eine Kombiverletzung aus Kreuzband, Innenband und Meniskus. Seine Worte waren: Das ist ein Total-Desaster bei Ihnen.“

Wieder zu Hause angekommen, wird Teichmann das ganze Ausmaß der Verletzung bewusst. „Mir war klar, dass das die Diagnose mit den langwierigsten Folgen ist, die man als Sportler bekommen kann. Mental bin ich für zwei, drei Tage in ein kleines Loch gefallen.“ Viel Zeit zum Grübeln bleibt aber nicht. „Ich habe direkt am Wochenende meine Kollegen informiert, dass ich erstmal auf unbestimmte Zeit ausfalle und mich jetzt um mich kümmern muss. Ich wollte meine Reha als neues Projekt ansehen, das ich aktiv angehe.“ In den ersten Tagen heißt es aber zunächst für den Physiotherapeuten: Ruhig halten, Bein hochlagern, Knie kühlen, Fußpumpe betätigen und Thrombosespritzen nehmen.

Kreuzbandriss ohne OP: was die beiden Orthopäden rieten

Fünf Tage nach dem Tennisunfall bespricht Teichmann schließlich mit einem Orthopäden die weitere Vorgehensweise. Die Gretchenfrage bei einem Kreuzbandriss lautet immer: Operieren oder konservativ behandeln. „Der Arzt hat meine Meinung bestätigt und mir empfohlen, drei bis sechs Monate Reha zu machen und erst dann zu entscheiden, ob man eventuell noch operieren muss“, erzählt Teichmann. Die Empfehlung deckt sich mit der Einschätzung eines zweiten Orthopäden.

Auch die weiteren Befunde sprechen nicht für einen unmittelbaren Eingriff. „Das Innenband würde operativ eh nicht mitversorgt werden und beim Meniskusriss war nicht klar, ob er im Rahmen der Verletzung frisch passiert ist oder eh schon länger zurückliegt. Deshalb hat man sich erstmal auf das Kreuzband fokussiert“ schildert der 40-Jährige. „Beide Orthopäden haben zudem erklärt, dass man heutzutage nicht mehr sofort jedes Kreuzband operiert. Das hat mein Denken über die immer häufigere physiotherapeutische Herangehensweise bestärkt. Lediglich wenn ich zum Beispiel einen größeren Knorpelschaden gehabt hätte, wäre ich den Weg der OP gegangen.“

Plötzlich selbst Patient

Für Teichmann beginnt also die konservative Rehabilitation. „Der Schlüssel war für mich, das Training knallhart durchzuziehen. Das rate ich auch immer meinen Patienten. Jetzt war ich plötzlich selbst in der Situation.“ Doch wo geht der Physio eigentlich selbst zur Physio hin? „Ich habe das Glück, dass einer meiner Schulfreunde auch Physiotherapeut ist. Bei dem war ich einmal die Woche für eine Stunde zur Behandlung. Er hat mir kollegiale Tipps gegeben und viel manuelle Lymphdrainage gemacht. Das hat so gutgetan, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut hatte. Da habe ich gemerkt, dass Hands-On-Therapie schon auch seine Berechtigung hat“, berichtet der Experte.

75 Prozent der Reha sind Eigenarbeit

Trotzdem spielt Hands-Off die größere Rolle. „Ich würde sagen, dass 75 Prozent der Reha aus eigener Aktivität bestehen muss. Mein Vorteil ist, dass ich seit Jahren für meine Patienten Trainingspläne schreibe. Deshalb konnte ich die Therapie optimal auf mich und meine Bedürfnisse anpassen“, erläutert Teichmann. Im Prinzip macht er sehr schnell wieder alles, was geht und von den Schmerzen aushaltbar ist. „Ich habe gezielt den Quadrizeps trainiert, um schnell die Krücken loszuwerden. Für das Krafttraining habe ich mich extra im Fitnessstudio angemeldet. Zuhause habe ich zum Beispiel die aktive Beinstreckung im Sitzen auf der Küchenkante geübt. Die größte Hürde war aber wieder zu gehen. Das habe ich schon hunderte Male angeleitet und plötzlich musste ich das selbst wieder lernen. Das hat mich echt viel Energie gekostet.“ Nach einer Woche macht er schon wieder vorsichtig Beinachsentraining und erste Kniebeugen bis maximal 90 Grad. „Mir war wichtig, so schnell wie möglich die Muskulatur zu aktivieren, damit sie sich nicht abbaut. Das ist bei den meisten Patienten das Kernproblem“, erklärt Teichmann. Nach zehn Tagen geht er sogar wieder Treppen im Wechselschritt. „Ich habe auch viel barfuß für sensorischen Input gearbeitet. Dazu kam noch Neuroathletik. Nach vier Wochen bin ich schon wieder so normal gelaufen, dass die Leute, die es nicht wussten, überhaupt nicht geahnt haben, was ich für eine schwere Knieverletzung habe.“

Foto: Martin Teichmann

Rückschläge gehören dazu

Im Alltag mit der Familie nutzt Teichmann zur Unterstützung des Knies bei Bedarf die Orthese. „Die habe ich zum Beispiel auf einem Schulfest meiner Tochter gebraucht, weil da viel Gewusel war und ich eine zusätzliche Sicherheit wollte.“ Es gilt aber auch immer wieder Rückschläge zu verarbeiten. „Als ich mit meiner Familie im Freibad war, habe ich im Wasser das erste Mal eine klare Instabilität gemerkt. Das Laufen in den Badeschlappen hat außerdem auch noch zu Schmerzen und einer Schwellung geführt. Da war der Tag für mich gelaufen“, berichtet der Bonner. Kurz darauf trainiert er wiederum erfolgreich auf dem Fahrradergometer. „Das war ein echter Stimmungsaufheller für mich.“ Fortschritt und Rückschritt wechseln sich also in Teichmanns Genesungsverlauf ab. Die erste echte Belastungsprobe findet am 1. Juni statt. „Da bin ich zurück in die Praxis und habe langsam wieder mit der Arbeit angefangen. Zwischendrin habe ich aber immer wieder längere Pausen gemacht. Dieser Mix hat gut funktioniert.“ Richtig ernst wird es drei Tage später auf dem Festival „Rock am Ring“. „Ich mache da seit Jahren die physiotherapeutische Betreuung der Musiker. Da hatte ich plötzlich wieder 16- bis 18-Stunden-Tage, das war extrem hart. Das Knie hat es aber zum Glück im Rahmen der Möglichkeiten gut mitgemacht.“

Reha als Fortbildungsmaßnahme

Der große Vorteil von Teichmann: Als Physiotherapeut kann er gut einschätzen, was er sich zutrauen kann und was nicht. „Bei sportaffinen Menschen, wozu ich zähle, ist es oftmals so, dass man sie etwas bremsen muss, weil sie zu schnell zu viel wollen. Meine Frau und mein Physio haben oft gesagt, dass ich mich mal ein bisschen entspannen soll“, erzählt der 40-Jährige lachend. Interessant ist: Im gesamten Verlauf verzichtet der Experte auf Schmerzmittel und geht medikamentenfrei durch seine Reha.

Eine Sache prägt Teichmann in dieser Zeit besonders. „Ich habe echt unterschätzt, wie hilflos man gerade in den ersten zwei Wochen ist. Man kann nicht Auto fahren, muss aber zu den Ärzten. Man kann mit Krücken seinen Teller nicht von A nach B tragen. Und plötzlich ist es fast unmöglich, die Unterhose anzuziehen, weil man das Bein nicht beugen kann. Ich sage jetzt immer: Diese Reha war und ist die wichtigste Fortbildung, die ich als Physio jemals gemacht habe.“

Bei einem befreundeten Therapeuten ist Teichmann einmal pro Woche für eine Stunde zur Behandlung. (Foto: Martin Teichmann)

Der lange Weg zurück auf den Platz

Als die pt mit Teichmann zum Gespräch verabredet ist, sind mittlerweile gut drei Monate seit dem Kreuzbandriss vergangen. „Ich habe den Sommer gut überstanden und eigentlich alles geschafft, was mir wichtig war“, resümiert der Physiotherapeut. „Der nächste Schritt ist jetzt, dass ich intensiveres Krafttraining im Fitnessstudio mache und erstmals wieder 20 bis 40 Minuten Joggen gehe. Langfristig gesehen will ich dieses Jahr auch nochmal auf den Tennisplatz. Aber dann kontrolliert mit einem Trainer.“

Bis dahin arbeitet Teichmann weiterhin intensiv an seiner Genesung. Stets im Blick: Das Return-to-Sport-Protokoll. „Ich habe die gesamte Zeit alle Vorgaben erfüllt. Erst als ich zum Beispiel wieder alle beidbeinigen Sprungvarianten konnte, habe ich mich an die einbeinigen Sprünge gemacht“, erklärt der Experte.

„Das war nicht Harakiri, sondern immer leitliniengerecht. Trotzdem war ich meistens zeitlich etwas schneller als vielleicht manch anderer Patient.“

Warum es schneller ging als gedacht

Die Gründe dafür sind simpel. „Es gibt zwei Sachen, die man fairerweise sagen muss. Zum einen hat es mir unheimlich geholfen, dass ich selbst Physiotherapeut bin und mich mit der Thematik auskenne. Zum anderen habe ich ein richtig gutes Netzwerk, das mich privat und beruflich hundertprozentig unterstützt.“ Gerade in der akuten Anfangsphase war das elementar wichtig für Teichmann. „Meine Familie und die Praxiskollegen haben mir den Rücken freigehalten, damit ich im wahrsten Sinne des Wortes schnell wieder auf die Beine kommen konnte.“

Das ungewöhnlich hohe Maß an Freizeit sorgt bei Teichmann auch für ungeahnte positive Nebenwirkungen. „Ich habe ganz viel Bürokram in meiner Praxis erledigt. Meine Steuererklärung ist so gut ausgefüllt wie noch nie“, erzählt der Physiotherapeut lachend. „Mir ist schon bewusst, dass ich durch meine Selbstständigkeit auch Glück im Unglück hatte. Mancher Arbeitnehmer wird lediglich drei Wochen krankgeschrieben und kann gar nicht so viel Zeit in seine Reha investieren.“

Und eine OP? Aktuell kein Thema

Angesichts der guten Fortschritte, die Teichmann erzielt, scheint eine Operation aktuell tatsächlich kein Thema mehr zu sein. „Ich mache jetzt weiterhin Physiotherapie im Drei- bis Vier-Wochen-Rhythmus. Ein bisschen Support hilft mir schon noch. Weil es mir aber, Stand heute, ziemlich gut geht, kann ich mir derzeit definitiv nicht vorstellen, mich noch operieren zu lassen“, sagt der Familienvater. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich mich noch nicht wieder komplett in der Phase der Vollbelastung befinde. Ja, ich kann laufen und habe im Urlaub am Strand mit den Kindern gespielt, aber den Endgegner Tennisspielen habe ich noch nicht gemacht.“ Zutrauen würde es sich Teichmann aber auch jetzt schon wieder. „Ich kann wirklich alle Bewegungen machen und fühle mich bei 100 Prozent. Die Vernunft hält mich noch zurück, weil der Kreuzbandriss eben noch nicht mal vier Monate her ist. Ich will nichts riskieren, was mir womöglich langfristig schadet.“

„Nach vier Wochen bin ich schon wieder so normal gelaufen, dass die Leute gar nicht geahnt haben, was ich für eine schwere Knieverletzung habe.“

Perspektivwechsel mit Folgen

Die nächsten Wochen und Monate werden also zeigen, ob der 40-Jährige wirklich um eine OP herumkommt. Schon jetzt hat er aber eine ganz wichtige Erkenntnis aus seiner Verletzungszeit gewonnen. „Nicht jeder Kreuzbandriss muss meiner Meinung nach sofort operiert werden. Diesen Spruch sage ich schon seit über zehn Jahren, aber jetzt noch viel nachdrücklicher.“

Die Geschichte von Martin Teichmann ist das beste Beispiel dafür. „Wer kann, sollte sich acht bis zwölf Wochen Zeit nehmen und so intensiv trainieren, wie man es auch nach einer OP machen müsste. Falls der Eingriff trotzdem noch nötig ist, geht man bereits fit in die OP und kann danach die Übungen schon viel besser ausführen. Ich glaube, dass das der richtige Weg für die Zukunft ist – nicht nur bei Kreuzbandverletzungen.“

Weiterführende Links:

Manuelle Therapie
Sportler Betreuung
physiotherapeuten.de